Aufstand der Farben

von Astrid Maul

 

 

Eines Morgens, als der kleine Erik aufwachte, war seine Bettdecke nicht mehr grün, sondern blau. Er wischte sich die Augen, bestimmt hatte er nur geträumt. Die Bettdecke blieb blau, das Kopfkissen war schweinchenrosa, das Leintuch gelb, der Fußboden grün. „Komisch, mein Bett hatte doch einen grünen Bezug gestern abend“, wunderte sich Erik. Er stand auf, ging an dem türkisfarbenen Schrank vorbei zum Fenster. Der Schrank war braun gewesen. Erik zog die weißen, früher hellbraunen, Vorhänge zurück. Es war unglaublich: die Wiesen waren gelb, die Bäume im Wald rot und eine grüne Sonne schien am orangefarbenen Himmel. Die Welt schien Kopf zu stehen!

 

 

Erik flitzte wie von der Tarantel gestochen in das Zimmer seiner beiden jüngeren Geschwister Thomas und Christina:

 

„Thomas, Christina, guckt mal, draußen stehen rote Bäume. Wie 'ne Tomate. Richtige Tomatenbäume.“ Erik zog die Vorhänge, jetzt blau statt hellgrau, auf.

 

Thomas und Christina waren jetzt auch neugierig geworden.

 

„Pah, rote Bäume gibt’s doch nicht, du schläfst wohl noch“, sagten sie, „sieht man auch, du bist ja ganz grün im Gesicht. Mit roten Augen, wie'n Marsmännchen.“

 

 

„Solche hab ich mal im Fernsehen gesehen“ fügte Christina noch hinzu.

 

 

Erik drehte sich verärgert herum. „Na dann, willkommen auf dem Mars. Ihr habt auch grüne Gesichter und rote Augen.“ sagte er zu den beiden anderen.

 

 

„Was?? Wir?“ Entsetzt rannten sie ins Bad, um in den Spiegel zu sehen. Es stimmte. Thomas drehte den Wasserhahn auf und wusch sich sein Gesicht. Aber es war hinterher noch immer grün. Sie liefen wieder in ihr Zimmer zurück.

 

 

„Was machen wir jetzt?“

 

 

„Gelbe Wiesen, igitt“ meinte Erik.

 

 

„Und wenn ich jetzt meinen Papierdrachen steigen lassen würde, würde man den gar nicht sehen, weil er die gleiche Farbe hat wie der Himmel“, stellte Thomas fest, „lieber grün, wenn er schon nicht mehr blau ist, dann kann ich meinen Drachen wieder sehen.“

 

 

„So grün wie dein Gesicht, hm?“ spottete Erik.

 

 

„Nein, keinen grünen Himmel“, sagte Christina.

 

 

„Und warum nicht? DU hast ja keinen orangenen Drachen!“ ärgerte sich Thomas.

 

 

„Weil man dann die Sonne nicht sehen kann, weil die jetzt grün is!“ antwortete Christina.

 

 

***

 

 

Und das alles kam so:

 

 

Die Farben hatten beschlossen, sich in Faberkastel zu treffen, weil ihnen niemand mehr Beachtung schenkte. Da die Menschen nicht einmal wussten, wo Faberkastel liegt, obwohl es eine wirklich große Stadt ist, war es geheim, das Treffen. Die Farben trafen sich sozusagen inkognito.

 

Von weit her reisten die Farben an: aus Stabilos in Griechenland, aus Mont Blanci in Italien, aus Gehas in Spanien, aus Pelikanos in Südamerika. Es kamen aber auch viele aus dem Inland, zum Beispiel aus Eding in Bayern, aus Lamy im Allgäu oder aus Watermann in Schleswig-Holstein.

 

 

„Die Menschen merken gar nicht mehr, dass ich die Farbe der Tomaten bin und dass ich außerdem allen Feuerwehrautos Farbe gebe“, beklagte sich Rot bitter.

 

 

„Ja, bei mir ist es nicht besser. Niemand sieht mehr, dass das Wasser oder der Himmel blau sind“, sagte Blau und fügte schnell hinzu: „...... und alle Polizeiautos, die fahren sogar mit BLAULICHT.“ Die Autos hatten zwar nur einen blauen Streifen, waren also nicht ganz blau, aber immerhin. Das mit den Polizeiautos hatte Blau auch nur gesagt, um Rot zu ärgern.

 

 

Es war Blau auch gelungen, Rot war bereits ganz rot im Gesicht. „ Du mit deinen dämlichen Feuerwehrautos“, dachte Blau.

 

 

Auch Grün war wütend: „Dass Wiesen oder die Blätter auf den Bäumen grün sind, ist ja schon eine Selbstverständlichkeit!“

 

 

Braun fügte hinzu: „Ich bin ja sowieso im Vergleich zu anderen eine gedeckte Farbe. Gerade deshalb sollte ich eigentlich mehr beachtet werden. Erde ist braun, Pflanzen brauchen Erde.“

 

 

Jede Farbe beklagte sich. Es war klar, den Menschen musste eine Lektion erteilt werden. Sie waren ständig in Eile, gingen mit geschlossenen Augen durch den Tag. Nicht einmal die Natur interessierte sie mehr, dabei brauchen Menschen die Natur. Männer wussten nicht mehr, welche Farbe das Kleid hatte, das ihre Frau am Tag vorher getragen hatte und Frauen konnten sich nicht daran erinnern, welche Farbe das Hemd hat, das ihr Mann unter dem Pullover an hat.

 

 

***

 

 

Schwarz schlug vor, die Farben sollten alle in Urlaub gehen, dann hätten die Menschen gar keine Farben mehr. Alle anderen Farben klatschten Beifall. Toll! In Urlaub gehen!

 

 

„Aber....“, sagte Gelb, „aber..... dann sind wir doch alle arbeitslos. Wir haben dann nichts mehr zu tun. Für eine kurze Zeit finde ich das ja ganz toll, aber länger...“

 

Das sahen fast alle ein. Bis auf Schwarz und Weiß, aber die waren schon immer faul und ließen alle anderen Farben für sich arbeiten.

 

 

„Ich....... ich heiße Fuchsia“, sagte Fuchsia artig und machte einen Knicks.

 

 

„Pah, eine von den ganz neuen. Junges Gemüse. Nicht rot aber auch nicht lila, richtig undefinierbar“, schnaubte Blau verächtlich.

 

 

„Ich bin aber auf vielen Turnhosen und Schulmäppchen und....“, sagte Fuchsia.

 

 

„Jaja, ist schon gut“, sagte Blau. „Und? Was schlägst du vor?“

 

 

„Wir, äh....., also wir, äh.... könnten einfach tauschen. Du, Gelb, machst das, was vorher Blau gemacht hat, dafür kann Grün die Aufgabe von Gelb übernehmen, Orange macht alles, was vorher Blau gemacht hat. Wir könnten auch jeden Tag mehrmals wechseln. Es könnten auch mehrere Farben die Aufgaben von z.B. Grün übernehmen, wir können uns ja absprechen“, meinte Fuchsia.

 

Die anderen Farben waren sprachlos. Dass das ihnen nicht eingefallen war! Das war die Lösung! Fuchsia war ganz stolz.

 

 

***

 

 

Die Menschen waren ganz durcheinander. Braune Tomaten zu essen war eklig. Wenn sie doch wieder rot wären! Und aus dem Fenster gucken wollten sie auch nicht mehr, der orangefarbene Himmel sah so bedrohlich aus. Ein blauer, manchmal auch grauer Himmel war viiel schöner! Vor allem konnten sie sich nicht an ihre grüne Haut und die roten Augen gewöhnen. Weiße, schwarze, rote oder gelbe Haut – so, wie sie es gewohnt waren – war ihnen lieber und sie nahmen sich ganz fest vor, anderen Menschen in die Augen zu sehen und auf die Augenfarbe zu achten, wenn alles nur wieder so werden würde, wie es vorher war. Viel mehr spazieren gehen wollten sie, um alles genau anzusehen. Ach, wenn die Wiesen und Bäume nur wieder grün und die Erde wieder braun wäre! Ja, die Menschen versprachen, sich gegenseitig genauer zu betrachten und sich darüber zu freuen, dass Menschen, Pflanzen, Tiere und Dinge so sind, wie sie sind.

 

 

***

 

 

Tja, bei so viel Reue hatten die Farben Mitleid und schon am nächsten Tag war alles wieder wie sonst.

 

Alle Kinder dieser Welt aber kennen diese Geschichte und darum malen sie manchmal, wie es an jenem denkwürdigen Tag, als die Farben ihre Plätze wechselten, ausgesehen hat: gelbe Wiesen, orangener Himmel, grüne Sonne. Und weil die Farben ja abgesprochen hatten, dass sie an diesem Tag auch mehrmals die Plätze wechseln können, ist auf einem anderen Bild die Wiese eben rot, der Himmel ist noch immer orange und die Sonne ist halt braun.

 

 

Und wir sollten alles dafür tun, dass sich die Farben nicht wieder in Faberkastel treffen, weil sie sich nicht genügend beachtet fühlen.

 

 

Am besten, wir fangen gleich damit an!

 

 (c) Astrid Maul

 

 

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