Die kleine Raupe

von Astrid Maul

 

Die kleine Raupe hatte sich ganz schön anstrengen müssen, um aus ihrem Ei herauszukommen. Sie beschloß, erst mal nach oben zu kriechen. Der Weg war grün und schmal. Ab und zu zweigte ein Weg ab, der zu großen grünen Plätzen führte. An einer der Abzweigungen lag ein Stein, der die Sonne spiegelte. Die kleine Raupe näherte sich vorsichtig, denn sie war noch zu jung, um zu wissen, daß das nur ein Wassertropfen war.

 

“Hallo!” sagte sie, aber der Stein, der die Sonne spiegelte, antwortete nicht. Stattdessen sah sie in dem Stein ein Tier, das einen langen grünen Körper hatte, mit vielen Füßen. Nur in der Mitte hatte es keine Füße. Und ganz am Ende wackelte es lustig mit dem Schwanz, wie ein Hund. Wenn die kleine Raupe nach vorne ging, ging das Tier auch nach vorne und wenn die kleine Raupe rückwärts lief, machte es das Tier nach.

 

“Komm, wir spielen zusammen!” sagte die kleine Raupe und lief auf den Stein, in dem sich die Sonne spiegelte, zu. Auch das Tier kam näher. Als sie sich mit den Nasen fast berührten, kullerte dieser Stein plötzlich auf die kleine Raupe los, über sie hinweg und den engen grünen Weg hinunter, den die kleine Raupe heraufgekommen war. Fast hätte er sie mitgerissen! Ihr Körper war jetzt ganz glitschig.

 

Da hörte sie, wie jemand lachte. Ärgerlich drehte sich die kleine Raupe herum und sah ein Tier, das rote Flügel mit schwarzen Punkten auf dem Rücken zusammengefaltet trug:

 

“Wer bist du denn und warum lachst du über mich?”

 

“Ich bin Maria Käfer. Ich lache, weil du dein Spiegelbild in einem Wassertropfen beobachtet hast und erschrocken bist, als der Wassertropfen vom Stengel heruntergefallen ist.”

 

“Das war mein Spiegelbild?”

 

“Ja, so siehst du aus”

 

“Und wo bin ich hier?”

 

“Auf einer Blume, einem Gänseblümchen genauer gesagt. Aber ich muß jetzt leider weg, ich habe eine Verabredung.” sagte Maria Käfer und flog davon.

 

Die kleine Raupe kroch weiter nach oben. Sie sah andere Tiere, die auch so einen länglichen Körper mit vielen Füßen hatten, braune, schwarze und solche mit langen Haaren. Die lachten sie aus:

 

“Igitt, schaut mal, die ist ja ganz grün. Und wie die läuft! Hihi! Ist das komisch! Schaut euch das an! Zuerst läuft sie mit den vorderen Beinen, dann mit den hinteren Beinen und dabei macht sie in der Mitte einen richtigen Katzenbuckel. Sowas!”

 

Dann liefen sie weiter. Die kleine Raupe beobachtete, wie sich die Beine der anderen, die sie ausgelacht hatten, gleichmäßig bewegten. Es sah sehr elegant aus.

 

“Ich muß auch so laufen, dann werde ich nicht ausgelacht.” dachte sie und sie machte ihre Körpermitte – also da, wo sie keine Beine hatte – ganz starr. Das war nicht leicht, ständig mußte sie daran denken, daß sie beim Laufen keinen Katzenbuckel machen durfte. Aber nach einer Weile ging es fast automatisch. Sie traf auch Raupen auf ihren Spaziergängen, die auch so grün waren wie sie, auch keine Beine in der Mitte hatten und auch wie ein Hund mit dem Schwanz wedelten. Aber sie machten beim Laufen einen Katzenbuckel.

 

“Pah, schaut euch die mal an, wie die läuft! Starr wie wenn sie einen Stock verschluckt hätte! Die meint wohl, sie wär' was Besseres! Kommt, mit der wollen wir nichts zu tun haben.” hörte sie die kleine Raupe sagen.

“Schau dich mal an, wie du läufst!” riefen sie der kleinen Raupe noch zu und beeilten sich, wegzukriechen.

 

Im nächsten Wassertropfen besah sie ihr Spiegelbild. Die anderen hatten recht! Richtig steif sah es aus, wenn sie lief! Sie beschloß, wieder beim Laufen einen Katzenbuckel zu machen, aber es klappte nicht so richtig.

 

Eines Tages beschloß die kleine Raupe, sich unterhalb eines Blumenblattes eine kleine Hütte zu bauen und in er Hütte über sich nachzudenken. Ihre Hütte hatte sie aus weißen Fäden gebaut und die kleine Raupe konnte man von außen nicht sehen. Lange Zeit rührte sich nichts.

 

Dann, eines Tages, wurde von innen die Tür geöffnet und sogar eine Hüttenmauer niedergerissen. Heraus kam....

 

.......................................ein Schmetterling!

 

Er setzte sich auf das Blatt, ließ seine Flügel von der Sonne trocknen.

 

Es war ein wunderschöner Schmetterling, mit vielen Farben auf den Flügeln. Und nach einer Weile klappte er seine Flügel auf und zu und flog davon. Es machte ihm Spaß, fliegen zu können, wohin er wollte, frei zu sein.

Vielleicht setzt er sich mal auf eine Blume neben dir, wenn du im Gras liegst und dich von der Sonne wärmen läßt, um dich an diese Geschichte zu erinnern.

 

(c) Astrid Maul

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