Katz

Eine Geschichte, die ich selbst geschrieben habe - diesmal geht es um eine Geheimsprache...

Katz'

 

Es war kurz vor Weihnachten.

 

„Katzung, Unfall auf der A1000 zwischen Katzling und Katzelsdorf.“ Seltsame Unfallmeldung, dachte Mias Mutter. Von Katzling und Katzelsdorf hatte sie noch nie etwas gehört. Und was war „Katzung“? Oder hatte sie sich das eingebildet? Von einer Autobahn mit der Nummer „A1000“ hatte sie auch noch nicht gehört. Sie war auf dem Weg zur Schule, um Mia abzuholen.

 

Dort bat Mias Lehrerin sie um ein Gespräch. „Mia hat die Angewohnheit, immer wenn in einem Wort die Buchstabenfolge 'acht' vorkommt, sie durch 'Katz' zu ersetzen. Sogar beim zählen. Macht sie das zuhause auch?“

 

„Ja, ist mir auch schon aufgefallen. Aber Kinder denken sich eben manchmal eine Geheimsprache aus.“

 

Die Lehrerin sagte: „Ich habe sie darauf angesprochen und sie hat mir erzählt, daß acht ihre Lieblingszahl ist und sie jetzt so lange stattdessen 'Katz' sagt, bis ihr Wunsch nach einer Katze in Erfüllung geht. Bitte reden Sie mal mit ihr.“

 

Mias Mutter erschrak. Hätte sie besser selbst Mia danach gefragt, warum sie so oft „katz“ sagte!

 

Im Auto redete Mias Mutter über das Gespräch, das sie mit der Lehrerin gehabt hatte. Sie versuchte Mia zu erklären, daß eine Katze jeden Tag Futter, außerdem einen Kratzbaum, viele Streicheleinheiten und die Möglichkeit, nach draußen zu gehen brauchte. „Aber das weiß ich doch, ich katz' schon darauf, daß die Katze das alles bekommt“, sagte Mia.

 

Stimmt, da war es wieder, das „katz“.

 

„Katzen können 20 Jahre alt werden. Kannst du dir denn vorstellen, so lange für die Katze zu sorgen?“ Nein, konnte Mia nicht. 20 Jahre. Soviel Finger hatte Mia gar nicht. Also mußte es eine unvorstellbar lange Zeit sein. Aber eine Katze wollte sie trotzdem haben.

 

„Gehst du bitte nach oben und machst deine Hausaufgaben, ja? Ich bin hier in der Küche und will heute nachmittag Weihnachtsplätzchen backen“, sagte Mias Mutter. „Wenn's sein muß“, brummte Mia. Viel lieber hätte sie ihrer Mutter beim Plätzchenbacken geholfen. Sie ging in ihr Zimmer in den 1. Stock hinauf und packte die Schulhefte aus. Ach wie gerne hätte sie eine Katze. Die würde jetzt bei ihr auf dem Schreibtisch sitzen und ihr bei den Hausaufgaben zusehen. Das wär' toll!

 

Sie stellte sich vor, wie sich die Katze auf ihrem Schreibtisch zusammenrollte und zufrieden schnurrte. Wie sie, Mia, mit ihren Fingern durch das weiche Fell strich.

 

Mathe. Mia seufzte, las die Aufgaben durch und kaute auf ihrem Bleistift herum.

 

„Miaaaaa.....u“

 

Was war das? Hatte ihre Mutter gerufen?

 

„Mia.....u“

Nein, das kam nicht unten aus der Küche, das war viel näher!

Katzundkatzig minus Katz ist Katzig, Katzzehn plus zehn ist........ katzundzwanzig. Katz minus Katz ist null.

 

In jedem Wort „acht“ durch „katz“ ersetzen. Wenn unmittelbar davor ein Mitlaut ist (also alles außer a, e, i, o oder u) dann das „a“ stehen lassen und „katz“ anhängen. So kann man das neu gebildete Wort flüssiger aussprechen.

 

Also:

 

„sie bringen“ bleibt so, weil ja nicht „acht“ enthalten ist.

 

„er hat gebracht“ „gebr-acht“. Vor dem „acht“ ist ein „r“, also ein Mitlaut. Also wird „gebra-katz“ draus

 

„gebraucht“ ändert sich dagegen nicht. Weil es hinten ja auf „aucht“ statt „acht“ endet.

 

Einfach war das nicht, Mia mußte sich voll konzentrieren. Eine Art nicht geheime Geheimsprache. Da das Wort „Katz“ oft drin vorkam. Aber vielleicht würde ihre Mutter dann merken, was sie sich so sehr wünschte.

 

So, die Hausaufgaben waren jetzt fast gemakatz, nur noch Deutsch, dann war Mia fertig.

 

Es gab viele Wörter, bei denen „acht“ vorkam. Wenn man reimte, fand man noch mehr:

 

M-acht reimt sich mit

kr-acht (wie Raketen zu Silvester),

l-acht,

entf-acht (zum Beispiel ein Feuer angemacht).

 

Und bei „N-acht“ ist das „acht“ auch drin. Auch in „Kissenschl-acht“.

 

„In der Nakatz makatzen mein Bruder und ich eine Kissenschlakatz. Dabei ist das Regal im Zimmer runtergekrakatz. Wir lakatzen, aber meine Eltern fanden das wohl nicht so lustig. Mein Vater hat das Regal aber glücklicherweise wieder an die Wand gemakatz.“ Mia grinste. Sie war stolz auf sich, geniale Idee.

 

„Miiii.....AU!!“ Da war es wieder. Mia sah aus dem Fenster. Von dort draußen kam es!

 

Vor dem Fenster wuchs eine große Buche mit Ästen bis zum Fenster. Und darauf, wegen der Blätter kaum zu sehen....... „Miiiiauu“...... ein schwarzes Fellknäuel.

 

Mia öffnete das Fenster. „Miiiau“! Der kleine schwarze Kater schaute Mia aus großen gelben Augen an.

 

Mia überlegte. Wie konnte sie ihn nur in ihr Zimmer locken? „Ah“, dachte sie, „vielleicht hat er ja Hunger.“ Und Milch mag er bestimmt auch. Mia beschloß, in die Küche zu gehen.

 

Von unten stieg Mia Plätzchenduft in die Nase. Sie freute sich. Die waren so lecker, bestimmt würde sie der Kater auch mögen.

 

Da klingelte unten das Telefon. Mia hörte, wie ihre Mutter das Telefon holen ging. Gott sei Dank hatte sie es im Wohnzimmer vergessen. Jetzt schnell!

 

Immer noch war die Mutter im Wohnzimmer. Mia hörte sie mit jemand am Telefon reden. Offensichtlich wollte sie das Telefon nicht mit in die Küche nehmen. Das gab Mia mehr Zeit, um die Sachen zu holen.

 

Sie schaffte es, in der Küche ein paar Plätzchen zu stibitzen, eine Milchtüte und einen kleinen Teller mitzunehmen, die dort auf dem Tisch stand. Dann eilte sie schnell wieder nach oben, ging in ihr Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Puh, geschafft!

 

„Miau!“

 

Mia legte ihre Ausbeute auf den Schreibtisch und sah sich die Plätzchen an. Sterne und Tannenbäume. Hihi, lustig, wenn sie die Sterne nahm und rundherum vorsichtig nur die Zacken der Sterne abbiß, hatte sie einen Kreis. Was blieb übrig, wenn man das bei den Tannenbaumplätzchen machte? Sie nahm eines und biß die Äste ab. Aha, das gab Dreiecke.

 

„Mia.....u.“

 

Mia versuchte, das Kätzchen mit den kreisrunden Keksen ins Zimmer zu locken: „Na, wer bist du denn? Komm, die sind echt lecker. Komm Miez, komm.... Hier, komm auf den Schreibtisch.“

 

Sie öffnete den Schraubverschluß der Milchtüte und goß etwas von der Milch auf den kleinen Teller. Den stellte sie vor das Fenster.

 

In der Zwischenzeit suchte Mias Mutter in der Küche die verschwundene Milchtüte. Komisch, sie hatte doch eine auf den Tisch gestellt?

 

Der Kater beobachtete Mia interessiert und schob sich langsam auf dem Ast etwas mehr Richtung Fenster. Mia schob den Schreibtischstuhl nach hinten und beugte sich über den Schreibtisch. Sie nahm ein Plätzchen und streckte die Hand aus. „Miez, miez..... Komm, ich geb dir was von den Plätzchen ab. Na komm schon her. Echt lecker. Milch hab ich auch für dich. Magst du doch, oder?“

 

Ein großer Sprung und der Kater landete geradezu elegant auf Mias Schreibtisch. Mia schloß schnell das Fenster. Nicht daß sich der das noch anders überlegte.

 

„Mmmmrrrr...... Miiiiaaaauuuu!“ Der Kater rieb sich an Mias Hand. „Da, nimm nur. Schmeckt dir das?“ Der Kater machte sich über die Milch her. Der schwarze Kater hatte ein weißes Schnäuzchen von der Milch. Kater mit Milchbart! „Hihi, du siehst lustig aus“, lachte Mia.

 

„Miau!“ antwortete der Kater.

 

Da klopfte es an der Zimmertür. „Mia, mit wem redest du? Und was sind das für Miaus? Hast du da etwa eine Katze versteckt?“ Mia erschrak. Das war ihre Mutter vor der Tür! Wohin mit dem Kater?

 

„Nein, ich habe nur laut gelesen, was wir in Deutsch aufhaben. Und eine Katze habe ich hier nicht.“ sagte Mia. Gelogen hatte sie ja nicht, es war ja keine Katze, es war ein KATER.

 

Naja, damit gab sich die Mutter natürlich nicht zufrieden. Als sie die Zimmertür aufmachte, erschrak der Kater und sprang schnell in den Papierkorb. Dabei stieß er gegen den Teller mit der Milch und ein kleiner Milchsee war jetzt auf dem Schreibtisch zu sehen. Mia war für eine Sekunde erleichtert, im Papierkorb würde ihre Mutter den Kater bestimmt nicht entdecken. Und die Milch hätte als Ausrede sie, Mia, umgestoßen. Wenn ihre Mutter aber fragen würde, warum sie die Milch allerdings aus einem Teller trank und nicht aus einer Tasse, dazu fiel Mia gerade nichts ein.

 

Also, die Mutter stand im Zimmer, Milch auf dem Schreibtisch, der Kater im Papierkorb. Hätte noch gut gehen können.

 

Da der Papierkorb aber voller Papier war, raschelte das natürlich, denn der Kater fiel ja auch nicht wie ein Stein da rein und blieb dann da drin ruhig sitzen. Und so kippte der volle Papierkorb schießlich mitsamt dem Kater um. Das schwarze Fellknäuel fiel mitsamt dem weißen, zusammengeknüllten Papier der Mutter fast genau vor ihre Füße.

 

„Was ist das denn?“

 

Der Kater schaute Mias Mutter so erschrocken aus seinen großen gelben Augen an, wie er vorhin Mia angesehen hatte. Sie ließ sich von Mia erzählen, wie sie den Kater auf dem Baum entdeckt hatte und wie er ins Zimmer gekommen war. Da konnte Mias Mutter Mia nicht böse sein.

 

„Allerdings müssen wir herausfinden, ob der Kater jemand gehört. Sonst wäre eine andere Familie und deren Kinder sehr traurig, wenn ihr Kater nicht wiederkäme. Wenn sich seine Besitzer nicht melden, dann darfst du ihn behalten.“ sagte sie zu Mia.

 

Der kleine schwarze Kater wurde tatsächlich von niemandem vermißt. Und so ging Mias Wunsch schließlich doch noch in Erfüllung.

 

Jetzt sitzt er auf Mias Schreibtisch, während sie Hausaufgaben macht, rollt sich auf dem Schreibtisch zusammen und schnurrt.

 

Ganz so, wie sie es sich immer vorgestellt hatte.

 

 

Übrigens: Erinnert ihr euch an die Verkehrsdurchsage am Anfang der Geschichte? Ist zwar 'ne erfundene Geschichte, aber ein klitzekleines bißchen davon ist wahr. Die Orte Katzling und Katzelsdorf gibt es wirklich. Zwar nicht in Deutschland, aber im Nachbarland Österreich. Ehrlich. Können eure Eltern im Internet nachgucken.

 

 

© Astrid Maul

 

2016

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