Feigheit vor .... ja wovor eigentlich genau?

Katharinas Bauchspeicheldrüsenkrebs hat die Leber sehr in Mitleidenschaft gezogen. Sie hat nun eine ausgeprägte Gelbsucht. Da sie sehr unsicher beim Laufen ist und auch häufig einschläft, schieben alle sie jetzt lieber im Rollstuhl. Das ist sicherer. Sie scheint außerdem selten Appetit darauf zu haben, etwas zu essen. Auch die Aussprache ist undeutlicher, weil sie so müde ist, sonst würde ich sie fragen können, auf was sie Lust hat. Sie ist so müde, daß sie nach ein paar Worten einschläft. Als wir sie ins Bett bringen, möchte sie im Sitzen schlafen. Ich habe Angst, daß sie sich ihren Kopf an der Wand anschlägt und schiebe schnell ein Kissen unter. Der Atem ist unregelmäßig und ich kann nichts tun, als neben dem Bett zu sitzen und ihre Hand zu halten oder sie zu streicheln. Ob das richtig ist? Findet Katharina das schön oder ist es lästig? Tut es weh? Oder ob sie etwas anderes lieber hätte? Ob ich ihr anders helfen könnte? Fragen über Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Ruhig dazusitzen, während in mir drin so viele Fragen offen sind, ist nicht einfach. Ich bin seit 8:30 Uhr hier und als ich um 12:30 Uhr wieder nach Hause fahren will, streiche ich ihr über ihre Haare und sage: "Katharina, ich bin ein Feigling, ich halte das nicht aus, deshalb gehe ich jetzt heim." Dann rollen mir Tränen runter. Da macht sie die Augen auf, schaut mich an und sagt: "Nein, das bist du nicht!" (!!) - "Tut mir leid, daß ich weine." - Darauf sie: "Das ist normal." Sie deutet mir an, ich solle mich aufs Bett neben sie setzen. Dann legt sie den Arm um mich, lehnt sich an meine Schulter und schläft wieder ein. Da kommt eine der Krankenschwestern ins Zimmer, um die Infusion auszutauschen. Ihr erzähle ich, warum Katharina und ich so auf dem Bett sitzen und die Fragen, die ich habe. Ich würde das schon richtig machen, einfach dasitzen und da sein, das sei das Wichtigste. Die Kranken würden das spüren, daß man da ist bzw. daß sie nicht alleine sind und auch wissen, wer da sei. Wichtig sei es, rechtzeitig loszulassen. Vielleicht ist es das, wozu ich zu feige bin?

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