Schöne Kindheit

Wald, Friedwald Wangen

Hätte über Wiesen mit vielen Blumen laufen können, durch Wälder. Als kleines Mädchen stellte ich mir oft vor, ich wäre ein Pferd und würde über Wiesen und Felder galoppieren, mit fliegender Mähne, frei sein, einfach laufen, lachen, dahinfliegen. Lebensfreude.

 

Hätte viel mehr Musik gehört, hätte gesungen. Hätte mehr Instrumente gelernt. Gefühle mit Musik rüberbringen.

 

Hätte gemalt. Ein Spiel von Farben, Formen und Licht. Wie in der Natur.

 

Hätte noch mehr Sprachen gelernt. „Die anderen, die nicht von hier sind“ verstehen, was von ihnen lernen.

 

Hätte Geschichten geschrieben. Alles kann man auch unter einem anderen Blickwinkel sehen.

 

Ideenreichtum auf Papier.

 

Hätte mich auf so viele verschiedene Arten ausgedrückt, übersprühend vor Freude und hätte andere damit angesteckt!

 

Hätte gefahrlos ausprobieren können und Unterstützung bekommen. Wenn etwas nicht funktioniert hätte, hätte ich es eben nochmal anders versucht.

 

Hätte mit Neugierde gelernt, es gibt so viel zu wissen. Hätte immer wieder die Antwort auf „Warum ist das so?“ gesucht.

 

Verständnis, sich geborgen fühlen, sich angenommen fühlen. „Schön, daß es Dich gibt.“

 

Schöne Kindheit...

 

 

 

„Wenn jeder was wollen würde....“

 

„Was sollen denn die anderen denken??!“

 

Wichtig ist stattdessen, daß das Bild nach außen stimmt, ein perfektes Kind zum Vorzeigen.

 

Richtig erzogen.

 

Richtig angezogen.

 

Richtig entzogen. Dem Lebendigsein.

 

Genau so muß es sein und nicht anders!

 

Für Fehler gibt’s Schläge. Für schlecht sein auch. Genau das „schlecht“, das für die meisten anderen „gut“ ist.

 

Die Fassade darf niemals bröckeln.

 

Wie's innen aussieht, interessiert niemand.

 

Die Tränenbäche, die auch Jahrzehnte später noch innen runterlaufen, sieht keiner.

 

Schöne Kindheit!

 

 

 

Wie eingebrannt, vergessen geht nicht.

 

„Warum hast Du kein Vertrauen?“ In andere? In mich? In das, was ich kann? Ins Leben?

 

Jeder Tag ein Kampf, warum ist plötzlich falsch, was mir sprichwörtlich eingebläut wurde?

 

Will nicht weitergeben, was mir passiert ist:

 

Keine Kinder, obwohl ich Kinder mag.

 

Zu freundlich.

 

Zu nett.

 

Zu hilfsbereit.

 

Ausgenutzt, Jahrzehnte lang.

 

Belästigt und genötigt.

 

Dem Ganzen ist keinerlei Grenze gesetzt.

 

Wer soll die denn setzen, wenn nicht ich, die aber nicht weiß, wie das geht?

 

„Du sollst Vater und Mutter ehren“ - auch wenn die eigene Mutter das ungewollt aus einem rausgeprügelt hat?

 

An jedem Muttertag zerreißt es mir das Herz. Es ist eben nicht überall immer drin, was draufsteht. Muß doch mehr sein als ein Kind auf die Welt zu bringen?

 

Zurück in die „Heimat“ - oder das Haus, das es hätte sein sollen, verursacht mindestens Schlaflosigkeit und Magenkrämpfe. Ich will nicht, aber ich muß.

 

„Du sollst Vater und Mutter ehren.“

 

Ich tu's für Vater. Der mich nie geschlagen hat. Helfen ging nicht, war ja den ganzen Tag arbeiten.

 

Dem Vater ist Harmonie wichtig, will keinen Ärger. Ich bin ja nicht anders.

 

 

 

 

Und wieder Jahre später ist Schluß, ich kann nicht mehr, es tut so weh: Ich verschlinge alles über Töchter narzisstischer Mütter

 

Ich mache genau das, was ich einige Jahre vorher angekündigt habe: Kein Kontakt. Aus.

 

Diesmal endgültig.

 

Ab jetzt ein ganz anderes Leben. Besser spät als nie.

 

Auf der Suche nach dem, was mein Herz zum Singen bringt.

 

Die Anleitung dazu muß mir irgendwie schon in der Kindheit verloren gegangen sein.

 

Aber Frauen lesen ja sowieso keine Anleitungen ...

 

 

 

(c) Astrid Maul, 2018